Verändert die Coronakrise den deutschen Immobilienmarkt?

Verändert die Coronakrise den deutschen Immobilienmarkt?

Jede Ursache hat Effekte, die dauerhaft sind und solche, die nur für kurze Zeit Geltung haben. Deshalb macht es Sinn bei der Beurteilung der Entwicklungen am Immobilienmarkt zwischen kurz- und langfristigen Effekten zu unterscheiden, um ein differenziertes Bild der aktuellen Lage zu bekommen.

Kurzfristige Trends

Anfänglich herrschte große Unsicherheit am Markt über die Entwicklung der Immobilienpreise in der Coronakrise. Aktuelle Zahlen werfen nun ein wenig Licht ins Dunkel und überraschen. Laut des Statistischen Bundesamtes stiegen die Wohnimmobilienpreise im dritten Quartal 2020 um 7,8 Prozent und erreichen damit den höchsten Wert in 2020. Auch wenn man hierbei berücksichtigen muss, dass Immobilienpreise mit zeitlicher Verzögerung auf Krisen reagieren, ist ein Einbruch der Preise nicht mehr zu erwarten. Der deutsche Immobilienmarkt scheint den zuvor geschürten Ängsten einer Blase zu trotzen und beweist seine Resilienz in Krisenzeiten.

Die mit der aktuellen Situation einhergehenden Kontaktbeschränkungen erschweren vielen Banken neue Bausparverträge abzuschließen, weshalb die Bausparsumme (Bausparguthaben + Bauspardarlehen) bei privaten Instituten um rund 10 Prozent auf etwa 51 Milliarden Euro gefallen ist. Diese Delle sollte sich Laufe dieses Jahr wieder auflösen, da zunehmend Prozesse in die digitale Welt verlagert werden und Kontaktbeschränkungen nicht mehr bestehen werden.

Langfristige Trends

Ein langfristiger Trend, der durch die Coronakrise weiter verstärkt werden könnte, ist die Digitalisierung des Immobilienmarktes und alle involvierten Prozesse und Anwendungen (oft zusammengefasst unter dem Begriff „PropTech“). Das reicht vom digitalen Verkaufsgespräch bis zur Softwarelösung für das Management von Immobilienportfolios. Ebenso werden markbasierte Plattformen wie Airbnb weiter an Relevanz gewinnen.

In Zusammenhang mit der Digitalisierung steht auch die zunehmende Marktverdrängung des stationären Handels, der durch die Krise herbe Verluste einstecken musste. Die Insolvenz des Modehändlers Adler steht sinnbildlich für die Krise analoger Vertriebsmodelle. Es ist davon auszugehen, dass der Leerstand vieler Einzelhandelsflächen gerade in schlechteren Lagen zunehmen wird. Noch ist nicht abzusehen wie die freigewordenen Flächen genutzt werden können und welche Renditen sich dadurch für Investoren ergeben. Denkbar sind moderne Büroräume, Erlebniswelten oder innovative Einzelhandelskonzepte, die digitale und analoge Konzepte miteinander vereinen.

Ein weiterer Trend, der sich extrem verstärkt hat und auch dauerhaft bestehen bleibt, ist die Entwicklung hin zu flexiblen Arbeitsformen (auch bekannt unter dem Begriff „New Work“). Laut der Hans-Böckler-Stiftung hat im April 2020 fast ein Drittel der Erwerbsbevölkerung im Homeoffice verbracht und 57 Prozent könnten dauerhaft von zu Hause ausarbeiten. Außerdem würde laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom jeder Fünfte seinen Wohnort wechseln, wenn Homeoffice größtenteils möglich wäre. Das könnte zu einer gewissen De-Urbanisierung und einer erhöhten Nachfrage von Immobilien im Grünen (Umland und kleinere bis mittelgroße Städte) führen. Hinzu kommt die zunehmende Sensibilisierung der Bevölkerung für Nachhaltigkeit und den Klimaschutz. Einfamilienhäuser mit Garten sowie Zweitwohnsitze in naturnahen Lagen werden an Popularität gewinnen. Dieser Trend lässt sich bereits an den ausgezahlten Baugeldern der privaten Bausparkassen ablesen, die um 15 Prozent auf rund 30 Milliarden gestiegen sind.

Ein weiterer Effekt, der sich aber nur schwer in einen kurzfristigen oder langfristigen Trend kategorisieren lässt, ist die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Schon seit der Finanzkrise werden immer wieder neue Anleihekaufprogramme verabschiedet und so Liquidität in den Markt gepumpt. Dieser Trend könnte weiter anhalten (mind. bis 2022) und sich nachfragefördernd auf diverse Immobilienklassen auswirken, die im Zuge der Coronakrise an Beliebtheit gewonnen haben.

Jeder Investor muss für sich einordnen, welche Implikationen diese Trends für die eigene Strategie haben, um adäquat reagieren zu können. Wie jeder weiß, steckt in jeder Krise auch eine Chance.

weitere Beiträge

Popular

Milliardenverluste für Privatanleger

Privatanleger in Deutschland haben im ersten Halbjahr mehr eingebüßt als jemals zuvor. Die Summe beläuft sich auf minus 213 Milliarden Euro Das ist das Ergebnis...

Inflation torpediert Altersvorsorge

Die Inflation macht sich nicht nur in den Geldbeuteln bemerkbar, sie hat sich auch in den Köpfen der Menschen festgesetzt. So erwartet nach einer...

Was den Finanzplatz Liechtenstein ausmacht

Das Rating eines Landes wird in Zukunft für Anleger eine noch größere Rolle spielen. In Liechtenstein werden rechtsstaatliche Prinzipien hochgehalten und steuerkonforme Lösungen angeboten. Die...

Fünf Tipps für eine erfolgreiche Kapitalanlage

Vermögensaufbau, Altersvorsorge oder Altersversorgung sind keine trivialen Angelegenheiten. Die folgenden fünf Argumente können dabei helfen, in Ruhe und Gelassenheit Kapital anzulegen und aufzubauen. Kaufkrafterhalt...